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Die Uhr in der Küche – Eine Weihnachtsgeschichte

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Kindheit am Küchentisch
Sie hing in jeder Küche meines Elternhauses. Eine beige Uhr, die perfekt in eine Umgebung passte, in der die Werbefigur Marie-Luise Haase Produkte aus dem Hause Dr. Oetker anpries.

Die intensivsten Erinnerungen bildeten sich, wenn mein großer Bruder Uli und ich auf die Weihnachtsbescherung warteten. Die Zeiger der Uhr wirkten dann wie angeklebt. Wann durften wir endlich ins Wohnzimmer gehen, den Weihnachtsbaum bestaunen? Wann durften wir die Geschenke öffnen?

Mutti und Papi, damals die korrekte Anrede, holten uns schließlich ab. Wir kamen in das festlich geschmückte Zimmer mit dem Christbaum und damals noch echten Kerzen. Der Baum erstrahlte in makelloser Pracht, denn er war jedes Jahr das wichtigste Projekt meiner Mutter.

Meine episodische Erinnerung setzt genau da ein, als mein Bruder – auch damals schon kein Freund langer Reden – nach den ersten geöffneten Geschenken vorsichtig anmerkte:
„Ich glaube, der Baum brennt!“ – Dann geht alles ganz schnell. Papi rennt in die Küche und füllt einen Putzeimer mit Wasser. Ehe der Baum den Raum so richtig aufheizen kann löscht er den Brand, ehe er großen Schaden anrichten kann.
Die Bescherung kann weitergehen.
Und doch blieb etwas zurück.
Dann ist da noch eine weitere Weihnachtserinnerung. Mein Bruder Uli und Lucky, einen Namen, den ich bis zu meiner jungen Erwachsenen-Zeit nicht loswerden konnte, warteten wie jedes Jahr in der Küche oder auch schon vor der Wohnzimmertür. Dann, als wir endlich reingerufen wurden, ist es zunächst, wie jedes Jahr. Der Baum strahlt, Mutti ist stolz auf den Baum, der jetzt schon einmal vorsichtshalber einen Eimer neben sich stehen hat. Haben die Eltern Angst, dass der Baum kotzen muss? Ach nein, da war ja was. Aber dann die Geschenke.
— Eine Puppe für Lucky und ein großer Lastwagen für Uli. —
Das Theater, das daraufhin folgte, brauche ich Menschen mit ähnlichen Erinnerungen wohl nicht näher zu beschreiben. Die Eltern, zunächst absolut überrascht – Was hat der Kleine denn jetzt schon wieder? –, hatten auch diesmal alles im Griff. Nach kurzem Hin und Her wurde entschieden: Lucky bekommt den Lastwagen, Uli die Puppe.Ich mag wohl zwischen 3 und 5 Jahre alt gewesen sein und spürte erste Anzeichen von Männlichkeit in mir aufsteigen. Meinem Bruder war es glaube ich egal. Er nahm die Puppe.

Die Uhr zeigte natürlich auch an, wie lange Kuchen und Kekse im Herd bleiben mussten oder wie lange Eier kochen sollten, bis sie gerade noch weich genug waren. Dafür gab es feste Regeln, deren Einhaltung die integrierte Eieruhr zu verantworten hatte. Diese Regeln befolge ich noch heute. Meine Eier sind dadurch meistens perfekt.

Einmal jedoch schien die Uhr versagt zu haben. Oder war es Mutter, die im Wohnzimmer telefonierend das Signal überhörte? – was eigentlich nicht möglich war, denn in meinen Ohren war die Klingel so laut wie die Schulklingel, mit der ich Jahre später gequält wurde. Jedenfalls:
Die Uhr war abgelaufen, Mutter nahm den Deckel vom Bräter, goss schnell Wasser zum Ablöschen darauf, und Erzählungen wie Erinnerungen deuten an, dass ein Teil des schönen Rinderbratens – oder war es eine Roulade? – an der Decke klebte.
Ein wahrhaft beglückendes Ereignis. Ich war schon immer für ein bisschen Abwechslung in der Küche.

Das Ticken der Uhr begleitete vor allem die Zeiten, in denen ich bei meiner Mutter am Küchentisch saß. Lucky war damals noch nicht eingeschult, hatte also viel Zeit, den Vormittag mit ihr zu verbringen. Mutti war gut im Erzählen und nicht so gut im Zuhören. Deshalb kann ich mich noch sehr gut an das schöne, im Porzellangehäuse widerhallende Geräusch des Sekundenzeigers erinnern, das die Uhr in stoischer Ruhe und Gleichförmigkeit von sich gab.

Plötzlich schraken Mutti und ich hoch. Es knallte ganz fürchterlich, als hätte jemand bei uns eine Bombe hochgehen lassen.
„Was war das!? Ein Anschlag?“

Nun, das braucht eine kleine Erläuterung: Mutti war nicht nur kettenrauchende und patiencenlegende Rätselspezialistin. Sie brauchte auch dringend zucker- und koffeinhaltige Getränke, um ihren Geist fit zu halten. Die Droge ihrer Wahl war Coca-Cola – und zwar literweise, verzehrt aus den kleinen ehemaligen Senfgläsern der Firma Kühne.
Die Tage waren heiß und sommerschwül, damals in der Rocholzallee nahe des Flüsschens Ennepe.
Und der Kasten Cola ging hoch wie ein Haufen Silvesterböller.

Eigentlich könnte diese kleine Erzählung hier enden. Aber wenn ich meinen Erinnerungen so nachlausche, steigen Bilder auf von Menschen, die ihr Zuhause verlieren und sich auf einen weiten Weg machen, um ihr Leben irgendwie weiterleben zu können. Auch meine Mutter Anneliese hat das erlebt, geboren in Kolberg, heute Kołobrzeg in Polen.
Es waren diese traumatischen Erlebnisse, von denen Mutti berichtete, als der Kasten Cola explodierte. Sie erzählte mir von russischen Soldaten, vor denen ihre verwitwete Mutter und der Rest der verbliebenen Familie Angst hatten. Ich war wohl fünf Jahre alt, als sie mich lehrte, wie Frauen sich damals gegen sexuelle Übergriffe zur Wehr setzten.
„Ihr müsst den Männern nur die gefürchtete Mutter vorspielen, und sie rennen um ihr Leben. “Und die Uhr sollte noch viele Jahrzehnte weiter ticken, bis sie irgendwann, kurz vor dem Tod meines Vaters, dann doch ihren Geist aufgab. Er hatte sie nicht mehr repariert. Sie hatte ihren Zweck erfüllt. Mutter war fort.
Ludwig C. Pfingsten Berlin 23. Dezember 2025

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