Kreative Arbeit zwischen Ordnung und Chaos

„Dein Zimmer sieht doch sicher total chaotisch aus!“

Mit dieser Festlegung konfontierte mich vor etwa einem Jahr eine  Gestalt-Kollegin während einer Intensivwoche. Sie weiss natürlich, dass ich Künstler bin und ausserdem hatte sie schon reichlich Gelegenheit meine Phänomenologie zu studieren.
Aber da mußte ich sie enttäuschen. Ich hatte direkt nach der Ankunft am Tagungsort alle meine Sachen sofort ausgepackt und fein säuberlich  in die Schränke sortiert.
 

Chaos

kann zweifelsohne ein Persönlichkeitsbild beherrschen. Es gibt Menschen und zu denen gehöre ich offensichtlich auch, die man sich schwer als Ordnungshüter vorstellen kann.

Die positiven Funktionen

des Chaos sind mittlerweile von verschiedenen Forschern aus allen Bereichen der Natur-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften erforscht worden.

In all diesen Zusammenhängen hat die Abwesenheit von Ordnung und Erklärung eine gewisse Wirkung. Die Funktion der Unordnung hängt von den jeweiligen Prozessen ab und von den einzeln Phasen derselben.

Kreative Prozesse

  1. Wir sind offenSchöpferische Indifferenz
  2. Etwas hat eine Wirkung auf unsErregung
  3. Wir schauen genauer hinFokussierung
  4. Wir sind eingetaucht –  Eins-Sein und Neuordnung
  5. Wir beenden die ArbeitsphaseVerabschiedung und Reflektion
  6. Hände Waschen und aufräumenAuflösung und Chaos

Ordnung

Wir leben in einer Zeit, in der nicht nur das Chaos vielen Menschen suspekt ist. 

Jede Form von Ordnung oder gar Hierarchie ist dem freiheitsliebenden Bürger von heute ausserordentlich verdächtig. Und das ist ja auch nicht verwunderlich; Ist doch das hervorstechende Merkmal des Faschismus, die Herstellung oder Aufrechterhaltug einer bestimmten Ordnung, die allerdings nur einer bestimmten Gruppe auf Dauer nützt.

Faschismus ist Anti-Kreativität

Wir sind uns sicher einig, dass weder Ordnung, noch Chaos Erscheinungen sind die für sich genommen eine moralische Einordnung haben. Ebenso kann Zertörung positive Wirkung haben, zum Beispiel am Ende der Nahrungsaufnahme,während unkrontrolliertes Wachstum  verheerende Folgen für den krebskranken Organismus hat.

Eben habe ich einen beliebigen kreativen Prozess beschrieben. 

Sicher wäre es grausam einem Kind, das gerade voll in sein Spiel eingetaucht ist, das Spielzeug wegzunehmen und es zu zerstören. Das entstandene Chaos wäre unentschuldbar grausam.

Aber ebenso schlecht wäre es, jede Unordnung im Keim zu ersticken.Wo bliebe die Neugier und das Staunen, wo die Erregung oder die Leidenschaft.

Es ist die Kreativität, die uns vor Beliebigkeit und Starrheit gleichermaßen schützt.

 

Ludwig C. Pfingsten

Ludwig C. Pfingsten

Verfasser mehrerer Arbeiten zu den Themenschwerpunkten Musikpädagogik, Kommunikationswissenschaft und Persönlichkeitspsychologie.

Ludwig C. Pfingsten

Ludwig C. Pfingsten

Verfasser mehrerer Arbeiten zu den Themenschwerpunkten Musikpädagogik, Kommunikationswissenschaft und Persönlichkeitspsychologie.